So lautet der treffende Titel einer Informationsbroschüre über Estland, dem nördlichsten der drei Baltikumsländer. Estland ist in etwa so gross (oder so klein) wie die Schweiz, hat aber gerade mal 1.4 Millionen Einwohner - und damit noch relativ grosse Flächen unberührter Natur. Für die hellen Mittsommernächte sind wir leider zu spät, die ersten Herbststürme fegen bereits über das Land und sind die Vorboten des langen, dunklen Winters. Doch auch wenn das Wetter nicht mehr sommerlich ist, geniessen wir die abwechslungsreichen Landschaften und die wunderbare Natur. Von Süden kommend sind wir begeistert über die unzähligen, spiegelglatten Seen inmitten tiefer, ursprünglicher Wälder. Bär, Elch und Luchs sind hier zu Hause und freuen sich ebenso an den intakten Wäldern wie die Esten beim Pilze- und Beerensammeln. Biberdämme stauen seichte Wasserläufe, weite Moore bieten Lebensraum für Hunderte Vogelarten und finnische Findlinge, hergetragen während der letzten Eiszeit, säumen die Ostseeküste. Nachdem wir unerwarteterweise auch noch die grenzenlose Gastfreundschaft der auf den ersten Blick etwas reserviert wirkenden Esten einen Tag lang kennenlernen dürfen, landet Estland weit oben auf unserer Topliste.
Kanada? Schweden? Estland!
Picknick- und Übernachtungsplätze sind immer schnell gefunden an einem der vielen, stillen Seen.
Am besten spürt man die Ruhe aber auf dem Wasser.
Der erste Herbststurm hat seine Spuren hinterlassen ...
Der erste Herbststurm hat seine Spuren hinterlassen ...

... und lässt noch einmal Pilze spriessen (die wir, aber die uns nicht überlebten).
Kein Ort in Estland ist mehr als 5 km von einem Moor entfernt.


Kleinere und grössere Findlingsfelder säumen Wälder und Küste.

Das mittelalterliche Tallinn und die alte Universitätsstadt Tartu bieten Abwechslung zum Naturerleben.
Ursprünglich geht es her auf der grössten Insel Estlands, Saaremaa
Als wir wegen einer qualmenden Bremse einen Tag pausieren müssen, werden wir sehr herzlich von dem Bauern Urmas und seiner Frau Maris aufgenommen und dürfen einen ganzen Tag lang estnisches Farm- und Familienleben geniessen: Morgenbesuch auf der Kuhweide, Beerensammeln im Moor, Traktorfahren auf dem Hof, Stierhoden auf dem Grill, Holzofensauna im zweckentfremdeten russischen Generatorwagen und erste Versuche im Nationalsport der Esten, dem Überschlagsschaukeln.
Urmas bei seiner "Kuhtherapie"
Urmas bei seiner "Kuhtherapie"
Steffi gibt Gas
Steffi versucht sich (erfolglos) am Überschlag. Urmas älteste Tochter ist amtierende "Weltmeisterin" dieser Extremsportart mit einer Stangenlänge von 5.82 m (je länger die Stangen, deston schwieriger der Überschlag).
Neben der intakten Natur, dem ruhigen Leben auf dem Land und dem geschäftigen Leben in den wohlhabenden Städten existiert aber auch das schwere Erbe von fünfzig Jahren Besetzung durch die Sowjetunion. Die Zeichen der Sowjetherrschaft sind in Estland noch deutlich zu sehen, wurden doch erst 1999 die letzten russischen Soldaten abgezogen. Stalinistische Denkmäler und stillgelegte sowjetische Fabriken erinnern an die fremdbestimmte Vergangenheit. Im Osten des Landes wohnen heute noch viele Russen, in manchen Städten sind mehr als 90% der Bevölkerung russisch, viele von ihnen sind sehr arm, sprechen kaum estnisch und sind schlecht integriert. Das Verhältnis zwischen Esten und Russen ist aus verständlichen Gründen zerrüttelt, woran sich wohl auch erst einmal nichts ändern wird, zumindest nicht, solange Russland keine Anstrengung unternimmt, die Verbrechen der Vergangenheit aufzuarbeiten.
In Narva, ganz im Nordosten Estland, trennt lediglich ein schmaler Fluss Estland von Russland. An den beiden Ufern stehen sich Hermannschloss und die Ivangorodfestung gegenüber.
Stillgelegte Textilfabrik
Voranschreitender Arbeiter, überlebensgrosser Lenin und ein ca. 15 m hohes, Häuser überragendes Schwert erinnern an die jüngere Vergangenheit

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